Montag, 16. Februar 2009

Waltz with Bashir (Kino Review)

Nach einer kleinen Ferienpause folgt nun endlich ein lange aufgeschobenes Review eines Filmes, den ich im Dezember des letzten Jahres geniessen durfte. 


Waltz with Bashir

Animationsfilme gibt es nicht wenige. Ebenso Dokumentarfilme, geschweige denn Kriegsfilme. Aber ein animierter Doku-Kriegsfilm, das ist doch mal etwas neues. Wird der Oscar für den besten fremdsprachigen Film dieses Jahr nach Innovation gemessen, so müsste der israelische Film Waltz with Bashir die Nase eigentlich vorne haben. Was Regisseur Ari Folman hier abliefert, hat man bisher in solcher Form noch nicht gesehen.

Handlung:
Folman (als Trickfilmfigur) reflektiert in einer Kneipe mit seinem Freund Boaz Rein-Buskila über dessen Albtraum mit einer großen Meute von 26 zähnefletschenden Hunden, der ihn immer wieder im Zusammenhang mit ihrem gemeinsamen Einsatz als Soldaten im ersten Libanonkrieg 1982 heimsucht. Folmans Erinnerungen daran sind jedoch verdrängt und werden im Laufe des Filmes erst nach und nach freigegeben. Dabei hilft ihm sein Freund Ori Sivan. Befragungen von anderen Kriegsteilnehmern (Ronny Dayag, Carmi Cna'an, Shmuel Frenkel und Dror Harazi) sowie Kriegsreporter Ron Ben-Yishai rekonstruieren das reale Geschehen, das schlussendlich im Massaker eines Flüchtlingslagers mündete.
(frei nach Wikipedia)

Vier Jahre war Folman mit diesem Filmprojekt beschäftigt und erzählte in einem Interview, dass ihn diese Zeit zutiefst aufgewühlt hat. Sein Ziel schien es offensichtlich zu sein, dieses Gefühl dem Zuschauer weiterzugeben. Dazu wurde aufgrund der Interviews, die er geführt hatte, erst einmal ein Drehbuch geschrieben, in dem gewisse Szenen selbstverständlich zwecks Dramatisierung ergänzt werden mussten. Folman lag es schliesslich am Herzen, viel mehr als einen "schlichten", realistischen Dokumentarfilm zu drehen. Nach einem aufwändigen Storyboard, das die jeweils von den Zeitzeugen erzählten Ereignisse in bildliche Formen brachte, begannen mehrere internationale Illustratoren, die Bilder zu zeichnen, die dann mittels Computer animiert wurden. Allein dieser Geniestreich macht "Waltz with Bashir" zu einem der aussergewöhnlichsten Filmereignisse des Jahres. Die entstandenen Bilder zeichnen sich durch einen eigenwilligen, kontrastreichen, berauschenden und doch glaubhaften Comicstil aus und vermögen es, eine unglaublich fesselnde Atmosphäre zu transportieren. Grandios ist nicht nur die Farbgebung, die künstlichen Kameraeinstellungen und die absichtlich langsame Bewegungsart der Figuren - was natürlich auch durch das Budget bedingt ist, welches sich nicht einmal annähernd mit dem eines Pixar-Filmes messen kann - sondern auch die fantastische Vermischung von zwei- und dreidimensionalen Effekten.

Die Waffe der digitalen Gestaltung weiss Folman auch mit scheinbar optimaler Wirkung einzusetzen. Er thematisiert den Krieg nämlich nicht auf politischer, philosophischer Ebene, sondern hauptsächlich aus dem Blickwinkel der Personen, die ihn hautnah erleben. Und durch die Vermischung mit beispiellosen Traumsequenzen und horrorartigen Hallizunationen, welche die Verdrängung von schrecklichen Erlebnissen der Einzelnen hervorgebracht hat, bekommt auch der Zuschauer das Gefühl, die Strände des Libanons und die von Leuchtstoffraketenlicht gespenstig beleuchteten Hochhausruinen von Beirut hautnah zu erleben. Wer hätte erwartet, dass gerade ein Film, der mit einer surrealen Ästhetik um sich wirft, dem Zuschauer den Kriegshorror so nahe bringt wie selten zuvor einer?
Dadurch, dass auch die privaten Hintergründe der Charaktere beleuchtet werden und in vielen Szenen das Lebensgefühl der 80er-Jugendkultur auf bestechende Weise eingefangen wurde, kann der Zuschauer eine beachtliche Nähe zu den aus künstlichen Formen bestehenden Charakteren aufbauen. Gerade in den teilweise absurden, von bitterbösem Humor gezeichneten Szenen beginnt man zu verstehen, wie unfassbar dieser Krieg für die jungen Teilnehmer war. Man beginnt zu verstehen, warum Folman seine eigenen Erinnerungen verdrängt hat. Wenige Filme bringen es fertig, den Zuschauer angesichts realer Ereignisse derart mitzureissen und emotional aufzurütteln.

Zum Glück glänzt "Waltz with Bashir" nicht nur durch formales Neuland, sondern auch durch einen wichtigen Inhalt, der einem noch lange schwer im Magen zu liegen scheint. Mit einem glänzenden, spannenden Drehbuch wurden die realen Interviews verknüpft und durch passende Szenen ergänzt. Einer der Gründe, warum sich Folmans Film kaum für die grosse Masse eignet, ist der Luxus, den er sich nimmt, Hintergrundwissen auf der Seite des Zuschauers vorauszusetzen. Im Film wird etwa nicht erklärt, wie sich der Krieg genau auf dem politischen Parkett abgespielt hat, geschweige denn, warum und wodurch es zum Nahostkonflikt gekommen ist. Folman appelliert an das Interesse des Zuschauers und fordert ihn gerade dazu auf, sich selbst zu informieren. "Waltz with Bashir" - übrigens benannt nach dem christlichen Milizenführer und libanesischer Politiker Bashir Gemayel, der am 14. September '82 ermordet wurde - ist ein anspruchsvoller Film, der zielstrebig auf sein beklemmendes, aufwühlendes Ende zuschreitet und ein historisches Ereignis schildert, das heute angesichts des neuen Gaza-Krieges aktueller ist denn je. Ein Werk, welches das englische Lobwort groundbreaking verdient.

Gibt es etwas zu kritisieren? Zumindest nichts, das gross von Bedeutung wäre. Allenfalls mag den einen oder anderen das Gefühl beschleichen, dass Folman etwas zur Selbstinszenierung neigt, und auch die Animationen stehen nicht immer auf hundertprozentig sicherem Bein, vor allem wenn es darum geht, Szenen aus der Gegenwart umzusetzen. Aber solche Makel vermag der Film, der übrigens möglichst auf hebräisch anzusehen ist, allein schon durch seinen ausgezeichneten Soundtrack wegzuwischen.

"Waltz with Bashir" ist nicht nur ein hoch brisanter Dokumentarfilm, sondern auch ein innovatives Stück Film, das dem Zuschauer gleichzeitig die Jugendkultur der 80er und die Schrecken des Krieges in einem faszinierenden visuellen Rausch näher bringt.

ca. 9 von 10 Punkten

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