Donnerstag, 2. Februar 2012

Drei Dinge, die man an "The Artist" kritisieren kann



Drei Dinge, die man an The Artist kritisieren kann (und warum man ihn dennoch lieben muss)

Wer bis jetzt noch nichts von The Artist, dem neuen Stumm- und deshalb Sensationsfilm aus Frankreich, gehört hat, wird dies spätestens am 26ten Februar – dann werden nämlich wieder einmal die Oscars verteilt, wobei ein Grossteil der wichtigen Preise an den Film von Michel Hazanavicius gehen dürfte. Verdientermassen, soviel sei schon einmal vorgemerkt. Ich habe den Film gestern zum zweiten Mal im Kino gesehen (das erste Mal im Oktober am Zurich Film Festival) und nehme dies – nach einer langen Schreibpause – zum Anlass, ein kleines Anti-Review zu schreiben.

Ein Anti-Review deshalb, weil die allermeisten Kritiken zu The Artist positiv bis überschwänglich ausgefallen sind und praktisch einstimmig die Magie und Liebe loben, mit welcher der Film die Geschichte des alternden, mit der neuen Technik des Tonfilms hadernden Stummfilmstars George Valentin schildert. Nun geht es mir keineswegs darum, den Film aus Trotz schlecht zu reden – im Gegenteil – ich möchte lediglich einige Aspekte hervorheben, die im allgemeinen Jubel (meines Wissens) weitgehend untergegangen sind.

Deren drei, genauer gesagt.


1. A Star Is Born (Again)

James Mason und Judy Garland in A Star Is Born

Am ehesten bemerkten Kritiker noch, dass die Story von The Artist alles andere als neu ist. Dem ist tatsächlich so: Die mit Abstand grössten Ähnlichkeiten finden sich zum Klassiker A Star Is Born. Dabei handelt es sich um einen der Urstoffe Hollywoods, der bisher bereits dreimal mit je unterschiedlicher Starbesetzung verfilmt wurde: 1937 mit Janet Gaynor und Fredric March, 1954 mit Judy Garland und James Mason und 1976 mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson (zudem ist seit längerem eine neue Version von Clint Eastwood in Planung). Erzählt wird (zumindest in der 1954er-Version, die ich gesehen habe) vom alternden Hollywoodschauspieler Norman Maine, der per Zufall mit der jungen Sängerin Esther Blodgett zusammenstösst und in ihr das Talent zum Star entdeckt. Tatsächlich bringt er ihre Karriere ins Rollen und allmählich steigt sie zum grössten Star der Traumfabrik auf, während Maines eigener Stern immer weiter sinkt. Die Parallelen zu The Artist sind unübersehbar, vor allem in den Szenen, als Maine depressiv wird, da seinen Namen niemand mehr kennt und da statt ihm nun Esther jeden Tag ins Studio geht und die Filme dreht, für die er früher bekannt war. Bezeichnend ist die Tatsache, dass ich mich gestern im Kino fragte, wann denn die Szene komme, da Georg Valentin als letzten Versuch der Rettung seines Star-Status einen aufwändigen Film auf einem Boot dreht – bis mir einfiel, dass diese Szene aus A Star Is Born stammt.
Freilich gibt es auch Unterschiede, so ist die Tonlage zumindest in der 1954er-Version weit düsterer und zynischer (Maine begeht am Ende Selbstmord), ausserdem fehlt der filmhistorische Hintergrund der Tonfilmrevolution. Letzteres und die Leichtherzigkeit der Geschichte erinnert vielmehr an einen anderen Über-Klassiker, nämlich Singin' in the Rain mit Gene Kelly.

Natürlich bedient sich Hazanavicius' Film auch einer Vielzahl weiterer Inspirationsquellen und verwebt sie geschickt zu einem Produkt, das zu keinem Zeitpunkt den Anschein eines billigen Abklatsches macht. Zudem kompensiert The Artist seine recht vorhersehbare, typische Grundhandlung mit einem grossen Einfallsreichtum, sobald es ins Detail geht.


2. Übersymbolisierung


Eine weitere grosse Qualität des Filmes ist es, dass er sich nie dazu verleiten lässt, sein Quellenmaterial zu parodieren. Stattdessen sehen wir einen ernsthaften, sichtlich von tiefstem Herzen kommenden Versuch, das zu rekonstruieren, was die Filme dieser Ära (zumindest aus heutiger Sicht) auszeichnet: Den Charme. Dazu gehört auch eine filmische Symbolik, die weit weniger subtil ist als wir es uns heute gewohnt sind, sei es in der Form von Gesten, Objekten oder Zwischentiteln. In The Artist wird diese Symbolik meist unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern eingesetzt, etwa wenn die Geschichte mit einem Film-im-Film eröffnet wird, in dem sich der von Georg Valentin gespielte Revolutionär auf einer Foltermaschine befindet und von dem bösen Schergen angeschrieen wird: "Speak! SPEAK!"

Hie und da, insbesondere zu Beginn der zweiten Hälfte, ist es aber auch zu viel des Guten: Um zu zeigen, wie sich Valentin im Karrieretief befindet, greift Hazanavicius tief in die Trickkiste und zeigt uns George Valentin, wie er in einem seiner Filme symbolisch im Sand untergeht; George Valentin, wie ein Porträt von ihm symbolisch versteigert wird; George Valentin, wie ein Foto von ihm auf der nassen Strasse symbolisch von den Menschen zertrampt wird – die Liste ginge tatsächlich noch weiter. Das Problem liegt nun darin, dass der Film an dieser Stelle seine gute Laune vorübergehend abgelegt hat und die Übersymbolisierung deshalb ohne ironische Brechung bleibt und geradezu bleiern im Raum schwebt. Dieser einzige dramaturgisch schwächelnde Teil des Filmes geht jedoch rasch vorüber.


3. Kein Ton macht noch keinen Stummfilm

Douglas Fairbanks in The Mask of Zorro

Die beiden vorherigen Punkte lassen sich sicher leicht als zweitrangig gegenüber den offensichtlichen Qualitäten des Filmes abtun – der letzte und grösste Kritikpunkt greift jedoch tiefer. Ich möchte eine provokante These aufstellen: The Artist ist keine wirkliche Stummfilm-Hommage, weder auf der Ebene des Inhalts, noch der Bilder. Vielmehr ist er eine Hommage an das klassische Hollywood, wie es zur Zeit des Stummfilms noch gar nicht existiert hat.

Zuerst zu den Bildern: Zweifellos ist die Kameraarbeit von Guillaume Schiffman fantastisch und wurde zu Recht für einen Oscar nominiert – in wunderschönem Schwarzweiss und mit gekonnten Bildkompositionen, die in ihrer Pracht auch mal mehrere Sekunden stehen gelassen werden können, wird die Atmosphäre der frühen Traumfabrik heraufbeschworen. Stilistisch bewegen wir uns dabei jedoch nicht im Jahre 1927, wo die Filmhandlung beginnt, sondern vielmehr in den frühen, wenn nicht gar späten 30ern.

Indizien dafür gibt es zahlreiche, darunter die präzisen Kamerafahrten (waren in der Stummfilmzeit rein technisch schwierig zu lösen), die geradezu sklavische Einhaltung des continuity system (entstand so erst durch den Tonfilm, während Stummfilme die Raumgestaltung viel freier handhabten) oder der Einsatz von Weitwinkelobjektiven (kamen in Hollywood erst mit dem Film Noir der 40er auf). Der vielleicht auffälligste Anachronismus lässt sich leicht durch ein kleines "Experiment" aufzeigen:
  1. Man schaue diese Szene von The Iron Mask (1929) mit Douglas Fairbanks. Man zähle dabei die Nahaufnahmen.
  2. Man schaue diese Szene vom Anfang von The Artist und tue dasselbe.
  3. Man schaue den Trailer von Ninotchka (1939) ohne Ton.
Der Unterschied ist offensichtlich: Während sich die Kamera an Douglas Fairbanks nicht näher als in eine Amerikanische (bis oberhalb des Knies) heranwagt und ihn ausschliesslich in statischen, eventuell leicht geschwenkten Aufnahmen filmt, darf seine Hommage, George Valentin, zahlreiche Nahaufnahmen und verhältnismässig dynamische Einstellungen geniessen. The Artist befindet sich ästhetisch somit näher bei einem Film wie Ninotchka, welcher ein ganzes Jahrzehnt später produziert wurde.

Auf der Ebene des Inhalts ist The Artist ähnlich "modern": Autothematische Filme, die sich ironisch-parodistisch dem eigenen Business, dem Phänomen Hollywood, annähern, traten vor allem in der frühen Tonfilmzeit vermehrt auf, etwa mit Screwball-Komödien wie What Price Hollywood? (1932), Lady Killer (1933), Footlight Parade (1933), Boy Meets Girl (1938), Hellzapoppin' (1941) und eben A Star Is Born (1937). Romantische Komödien, wie es The Artist eine ist, waren für die Stummfilmzeit untypisch.

Versucht The Artist also etwas zu sein, das er nicht ist? Lügt er uns gar an?

Keineswegs. Schliesslich beginnt der Film zwar 1927, seine Geschichte erstreckt sich jedoch bis ins Jahr 1934, eine Zeit, in der sich das klassische Hollywood bereits vollständig etabliert hat. Hazanavicius porträtiert die Revolution des Tonfilms also dadurch, dass er das Anfangs- und das Endstadium dieser Entwicklung zu einem Film verbindet. Eine andere Möglichkeit stand ihm vermutlich gar nicht offen, da ein "echter" Stummfilm beim breiten Publikum kaum so gut angekommen wäre (dass es der Film tut, ist schon beinahe ein Wunder) und dementsprechend niemals Budget von 15 Millionen Dollar erhalten hätte.
Es mag ein filmhistorischer Widerspruch sein, einen frühen Tonfilm als Stummfilm zu inszenieren, doch dem Film gelingt gerade damit die selbe Brücke, die am Ende der Held im Film schlagen kann: Genau wie Georg Valentin ein Relikt aus einer anderen Zeit verkörpert und schlussendlich die Fusion des Alten mit den Neuen schafft, so steht The Artist als Stummfilm wie ein exotisches Wesen in der heutigen Kinolandschaft und schafft es durch die ästhetische Verbindung mit dem vergleichsweise modernen, klassischen Hollywood, das heutige Publikum auch ohne Worte anzusprechen und – offensichtlich – zu begeistern.

Samstag, 13. August 2011

Cowboys & Aliens (Kino Review)



Cowboys & Aliens

Cowboys & Aliens wurde im Rahmen des 64. Filmfestival Locarno gezeigt.

Inhalt:

Arizona, in der Zeit des Wilden Westen: Ein Mann (Daniel Craig) wacht ohne Erinnerungen mitten in der Wüste auf. An seinem Handgelenk trägt er ein seltsames metallenes Gerät. Er macht sich auf in die nächste Stadt, wo er alsbald erfährt, dass er Jake Lonergan heisst und ein gesuchter Verbrecher ist. Ausgetrickst von einer schönen Unbekannten (Olivia Wilde), wird Lonergan verhaftet und soll sogleich per Gefangenentransport nach Santa Fe überführt werden. Doch soweit wird es nicht kommen.
Am Abend steht nämlich plötzlich der mächtige Rinderzüchter Dolarhyde (Harrison Ford) mit seinen Männern in der Stadt, dessen Sohn Percy (Paul Dano) ebenfalls nach Santa Fe überführt werden soll. Aber bevor es zur Schiesserei kommen kann, beginnt Lonergans Armband ohne Vorwarnung zu piepsen und Sekunden später erscheinen Raumschiffe aus dem Nichts und greifen an. Die Aliens zerstören die halbe Stadt und entführen zahlreiche ihrer Bewohner, unter anderem Percy. Lonergan und Dolarhyde müssen sich nun widerwillig zusammenschliessen, wenn sie die fremden Angreifer besiegen wollen.

Kritik:

"High-concept" nennt man in der Filmbranche jene Filme, deren Ausgangslage sich leicht in einem Satz zusammenfassen lässt, etwa bei Jaws oder 2012. Dementsprechend wäre Cowboys & Aliens ein "ultra-high-concept"-Film, denn seine Prämisse besteht aus gerade mal zwei Wörtern und wurde gleich in den Titel gepackt. Ein schlechtes Zeichen?

Der neue Film von Jon Favreau (Iron Man, Iron Man 2) beginnt jedoch recht vielversprechend: Ein namenloser Cowboy wacht in der Wüste auf und mäht gleich in bester Spiel mir das Lied vom Tod-Manier drei Kopfgeldjäger nieder. Faverau lässt in der ersten halben Stunde des Films das Herz jedes Western-Fans höher schlagen und vermag sogar Erinnerungen an 3:10 to Yuma zu wecken. Man glaubt schon fast, endlich wieder in einem straight-forward-Western zu sitzen.

Doch dann kommen die Aliens. Und machen nicht nur das Städtchen Absolution dem Erdboden gleich, sondern zerstören auch die waschechte Wildwest-Stimmung, die der Film bis dahin sorgfältig aufgebaut hat. Zugegeben, wir haben in neuerer Zeit schon ödere Alien-Invasionen gesehen (*hust*). Tatsächlich ist die Sache hier gut gemacht und die titelgebende Revolverhelden-vs-Marsmenschen-Action, die sich nun entfaltet und den restlichen Film dominiert, ist durchaus kurzweilig. Dennoch bleibt ein fahler Beigeschmack: Die Aliens wirken uninspiriert zusammengesetzt aus zahlreichen Elementen anderer Sci-Fi-Filme, ohne dass eine eigenständige Mythologie gebildet würde. Die Folge davon ist, dass Cowboys & Aliens den Anschein nicht verdecken kann, es seien hier zwei völlig unterschiedliche Filme auf Biegen und Brechen zu einem einzigen zusammengeschweisst worden. Diese Inkohärenz gibt dem Gezeigten eine beinahe schon trashige Note, wobei es auch nicht hilfreich ist, dass sich der Film selbst bierernst nimmt.

Ein weiteres Problem von Cowboys & Aliens ist seine Hauptfigur: Jake Lonergan, von Daniel Craig wie ein moderner Charles Bronson verkörpert, bleibt über den ganzen Film blass und uninteressant. Das hängt damit zusammen, dass sich die Autorenschaft aus unerklärlichen Gründen dafür entschieden hat, dem Film einen starken Mystery-Touch zu geben - oder war das etwa der Einfluss von Co-Autor Damon "Lost" Lindelof? Nicht, dass dem Zuschauer immer gleich alles erklärt werden müsste, aber man braucht gewisse Hintergrundinformationen zu einer Figur, um sich mit ihr identifizieren zu können. Und die Bourne-Masche funktioniert hier deshalb nicht, weil sie zu wenig sorgfältig eingeführt wird und sich mit dem Casting von Craig beisst, der nunmal nicht über den Sympathiefaktor eines Matt Damon verfügt. So bleibt uns das Innenleben von Lonergan weitgehend verborgen und es ändert sich auch wenig dadruch, dass später eine 0815-Backstory über Lonergans verlorene Liebe nachgeschoben wird.

Als wäre eine schwammig charakterisierte Hauptfigur noch nicht genug, trifft das selbe auch auf die Rolle von Olivia Wilde zu: Über die gesamte erste Hälfte des Filmes ist Ella einfach da, stellt mysteriöse Fragen und scheint mehr zu wissen als die anderen, nur leider wissen wir nichts über sie, was aber nötig wäre, damit sie uns sympathisch oder zumindest menschlich erscheinen lassen würde. Die nachgeschobene Erklärung ändert auch hier nichts daran, dass uns ihr Charakter mehr als eine Stunde lang kalt lässt. Immerhin schafft es Altstar Harrison Ford, dem man den Bad Guy zu Beginn so gar nicht abnehmen will, seiner Figur mit der Zeit mehr Tiefe zu verleihen. Die wahren Sympathieträger des Films sind jedoch die Nebenfiguren - allen voran Sam Rockwell als Doc - da viele von ihnen interessanter charakterisiert sind als die Protagonisten.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Favreaus Film zwar viel Potential verschenkt hat, jedoch durchaus ein unterhaltsamer Sommerblockbuster jenseits all der Comicverfilmungen und Remakes geworden ist. Das ändert aber nichts daran, dass Cowboys & Aliens ohne die Aliens wahrscheinlich mehr Spass gemacht hätte.

aufgerundet ca. 7 von 10 Punkten


Dieses Review ist erschienen auf OutNow.

Montag, 8. August 2011

Les chants de Mandrin (Kino Review)



Les chants de Mandrin

Les chants de Mandrin wurde im Rahmen des 64. Filmfestival Locarno gezeigt.

Inhalt:

Frankreich, 1755: Das Ancient Régime herrscht über das Land und bestraft jeden, der sich ihm widersetzt. So auch den Räuberhauptmann und Schmuggler Louis Mandrin, eine Art französischer Robin Hood, der öffentlich hingerichtet wurde. Doch seine überlebenden Kumpanen geben nicht auf, sondern organisieren weitere Schmuggelaktionen im Land.
Ein Hausierer (Christian Milia-Darmezin), der unter anderem ebenfalls illegale Waren verkauft, trifft eines Tages auf einem Landweg auf einen Marquis (Jacques Nolot). Dieser lässt den Hausierer in seiner Kutsche mitfahren und eröffnet ihm, dass er auf der Suche nach Bélissard sei, dem Anführer der mandrins. Was will der Marquis von ihm, und wird ihm der Hausierer helfen?

Kritik:

Kritisiert man historische Indie- oder Semi-Amateurfilme, bekommt man oft das Gegenargument zu hören, die Filmemacher hätten halt kein Geld gehabt und man könne den Film doch nicht mit den grossen Hollywood-Blockbustern vergleichen. Tatsächlich liegt das Problem jedoch meist nicht im geringen Budget per se, sondern in der Unfähigkeit der Macher, mit den beschränkten Mitteln eine spannende Geschichte zu erzählen. Ein Paradebeispiel dafür ist Les chants de Mandrin von Rabah Ameur-Zaïmeche.

Der Film scheint eine ziemliche Ein-Mann-Produktion gewesen zu sein: Ameur-Zaïmeche war nicht nur als Autor, Regisseur und Produzent tätig, sondern übernahm auch gleich selbst eine wichtige Rolle im Film. Heisst "wichtige Rolle" nun, dass er die Hauptfigur spielt? Da wären wir schon bei einem Hauptproblem des Filmes: Er hat keine Hauptfigur. Rein von der Screentime her müsste dies eigentlich der Hausierer sein, doch seine Figur ist eher als komödiantischer Sidekick angelegt, und zudem stehen der Marquis und Bélissard (verkörpert eben von Ameur-Zaïmeche) zeitweise viel stärker im Zentrum der Handlung.

Wenn wir schon beim Thema Handlung sind: Les chants de Mandrin hat tatsächlich ziemlich viel Handlung, zumindest in dem Sinne, dass einiges geschieht. Und doch ist der Film gähnend langweilig. Denn die Handlung plätschert einfach so vor sich hin, ohne dass uns dies irgendwie interessieren oder gar emotional bewegen würde. Von einem Spannungsbogen keine Spur.

Nicht gerade hilfreich ist ausserdem, dass der Film miserabel gefilmt wurde: Der Kameramann hatte offenbar Freude am Einsatz von Tele-Objektiven, weshalb wir das Geschehen oft aus der Distanz und in extrem flachen, grauen Bildern sehen. Sorgt das Drehbuch nicht bereits für genug Teilnahmslosigkeit seitens des Zuschauers? Dazu kommt, dass man gewisse Einstellungen viel zu lange laufen liess, sei es aufgrund fehlenden weiteren Materials oder in der Absicht, "künstlerisch" zu sein.

Der TV-Look des Filmes wird verstärkt durch die Kostüme, die oftmals wie direkt aus der Garderobe des Kostümverleihs gegriffen aussehen. Auch den Schauplätzen sieht man an, dass es Ruinen oder Teile von Museen sind. Und wenn dann mal ein wenig production value vorhanden war, dann wird es derart ausgekostet, dass der sowieso kaum vorhandene Handlungsfluss noch mehr unterbrochen wird: Etwa bei der Druckerpresse, der zahlreiche Aufnahmen gewidmet wurden, die vielleicht in einer BBC-Dokumentation über die Funktionsweise dieses Geräts interessant wären, aber nicht hier.

Der letzte grosse Kritikpunkt, den sich Les chants de Mandrin gefallen lassen muss, ist der, dass es der Film nicht schafft, uns irgendetwas Interessantes über das historische Phänomen des titelgebenden Volkshelden zu erzählen. Wir hören zwar ständig vom grossen Mandrin, doch sind es lediglich leere Parolen über die Einigkeit Frankreichs und die Schlechtheit des Königs. Am Ende wirkt Ameur-Zaïmeches Film somit wie eine Fernsehproduktion, die für irgendeine Jubiläumsfeier in Auftrag gegeben wurde - mit dem Unterschied, dass eine solche keine 97 Minuten lang wäre.

ca. 3 von 10 Punkten


Dieses Review ist erschienen auf OutNow.