Mittwoch, 26. Januar 2011

Machete Maidens Unleashed! (Kino Review)



Machete Maidens Unleashed!

Der Film wurde im Rahmen des 6. Zurich Film Festival gezeigt.

Inhalt:

Bis in die 60er Jahre hatte im Westen wohl noch kaum einer je davon gehört, dass die Philippinen eine der produktivsten Filmnationen der Welt waren. Das änderte sich, als es in den 70er zahlreiche amerikanische Produzenten nach Südostasien zog, um dort billige Horror- und Actionstreifen zu drehen. Die Bedingungen waren dazu auch ideal, schliesslich boten die Philippinen eine grosse bestehende Filmindustrie, verlockende Schauplätze, kaum staatliche Richtlinien und vor allem kostengünstige Arbeitskräfte. So entstanden in dieser Phase zahlreiche der sogenannten Exploitation-Filme, die mit allzu leicht durchschaubaren Mitteln versuchten, das Interesse des Zuschauers zu wecken.

In diesem Dokumentarfilm kommen die damaligen Regisseure und Schauspieler(-innen), aber auch Filmhistoriker und -kritiker zu Wort. Augenzwinkernd erzählen sie über diese Blütezeit des B-Movies, streuen Anekdoten ein und können manchmal gar nicht glauben, gewisse Dinge damals wirklich getan zu haben. Ein kickboxender Zwerg ist längst nicht das Skurrilste, das dabei zum Vorschein kommt.


Kritik:

2007 drehten Quentin Tarantino und Robert Rodriguez mit Grindhouse eine Hommage an die Exploitation-Filme der 70er und 80er. Rodriguez hat seither mit Machete noch einmal nachgelegt und es scheint tatsächlich so, als würden sich die trashigen Gewalt- und Erotikstreifen wieder zunehmender Beliebtheit erfreuen. Mark Hartleys Dokumentation Machete Maidens Unleashed! erscheint somit gerade zur richtigen Zeit.

Der Aufbau des Filmes ist grob chronologisch gegliedert und thematisiert nebenbei die Entwicklung des Filmschaffens vor dem Hintergrund der politischen Situation der Philippinen. Die einzelnen Zeitabstände sind wiederum thematisch unterteilt, es werden also in erster Linie die verschiedenen Untergenres und einige ihrer führenden Exponenten vorgestellt. Wir erfahren beispielsweise, dass es im Subgenre Women in prison films eine eigene Richtung der Jungle prison films gibt, welche bevorzugt von Frauen handeln, die in einer diktatorischen Bananenrepublik aus einer sadistischen Gefangenenanstalt fliehen müssen. Kleidung ist in dieser tropischen Hitze selbstverständlich eher überflüssig. So wird etwa The Big Bird Cage mit dem späteren Jackie Brown-Star Pam Grier und vom B-Movie-Meister Roger Corman folgendermassen angepriesen: Women so hot with desire they melt the chains that enslave them!

Neben den beiden oben Erwähnten kommen unter anderem auch John Landis und Sid Haig (The Devil's Rejects) ausführlich zu Wort. Besonders interessant ist der Teil über Apocalypse Now, welcher ebenfalls zu dieser Zeit in den Philippinen gedreht wurde. Die Situierung im Kontext der B-Movie-Industrie wirft dabei neues Licht auf die - bekanntermassen desaströse - Produktionsgeschichte des Filmes. Ansonsten mag Machete Maidens Unleashed! allerdings für Exploitation-Fans abgesehen von der Bedeutung des besonderen Drehortes wenig Neues zu bieten haben. Auch formal sticht der Film nicht heraus, besteht er doch vor allem aus Interviews, die mit einer eineinhalbstündigen Trailerschau der erwähnten Filme unterlegt ist. Wer allerdings in erster Linie den Anspruch hat, einen Überblick im Schnelldurchlauf zu erhalten, ist auf jeden Fall bestens bedient.

Voraussetzung gibt es eigentlich nur eine: Seltsamen Humor. Wer nämlich über diese abstrusen, meistens unfreiwillig komischen Filme, die rosaroten Blutfontänen und Pappmaché-Monster nicht lachen kann, ist ohne Frage fehl am Platze. Auch eine Prise Nostalgie schwingt in vielen Interviews mit, wenn sich derjenige zurückerinnert an die Zeit, als die Filme keine Rechtfertigung brauchten, um die Protagonistin den halben Film mit nacktem Oberkörper herumrennen zu lassen, und als es keine Hemmungen gab, noch so reisserisch um die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu buhlen. Unübertroffen ist zum Beispiel die Tagline von Vampire Hookers:

BLOOD ISN'T THE ONLY THING THEY SUCK!


ca. 7 von 10 Punkten

Einmal mehr als nur reden (Kino Review)



Einmal mehr als nur reden

Der Film wurde im Rahmen des 6. Zurich Film Festival gezeigt.

Inhalt:

Nachdem das mittelamerikanische Nicaragua 45 Jahre vom diktatorischen Somoza-Clan regiert worden war, kam es 1977 zu einem landesweiten Bürgerkrieg, der zwei Jahre später in der Machtergreifung der kommunistisch-revolutionären Sandinistas mündete. Von da an führte die USA unter Ronald Reagan Bestrebungen durch, die neue Regierung zu stürzen, indem sie die somozische Guerilla militärisch und finanziell unterstützte.

Dies führte wiederum zu einer Welle weltweiter Sympathisierung von linken Aktivisten mit Nicaragua. Im Zuge dieser Euphorie entstand im Jahr 1984 die Arbeitsbrigade "Februar 34", die aus fünzig Österreichern bestand, die sich in den tiefen Dschungel im Süden des Landes begaben, um dort bei der Errichtung von Infrastruktur-Einrichtungen zu helfen. Das Credo der jungen Frauen und Männer: Einmal mehr als nur reden!

Kritik:

Der Dokumentarfilm von Anna Katharina Wohlgenannt rekonstruiert anhand zahlreicher Interviews mit den damaligen Teilnehmern und ausführlichem Archivmaterial die Ereignisse im Februar 1984, während dem die Brigade in Nicaragua weilte. Dabei entfaltet sich dem Zuschauer bald ein viel differenzierteres Bild als die naheliegende Ansicht, dass es sich hier lediglich um ein unüberlegtes Unterfangen von fünfzig naiven Friedensaktivisten handelte. Dies trifft sicher in vielerlei Hinsicht zu, doch schon das Spektrum der Teilnehmer reichte erstaunlich weit: Von linkskonservativen Hardlinern über engagierte Maoisten bis hin zu Mitgliedern einer katholischen Jugendbewegung - alles war vorhanden. Rückblickend erzählen diese Menschen einerseits detailliert über Ablauf des Unternehmens und die Schwierigkeiten, die sich angesichts der fremden Kultur und dem tropischen Klima ergaben. Anderseits schildern sie unverkrampft die Träume, Ideale und politischen Weltanschauungen, die sie zu dieser Reise bewegten.

Interessanterweise spürt man bei vielen auch heute noch die Bestürzung darüber, dass die Zeit der Revolution in Nicaragua nach gut zehn Jahren bereits wieder vorüber war und dass aus der sozialistischen Weltrevolution schlussendlich nichts wurde. Tatsächlich war die Einstellung vieler österreichischen Aktivisten gegenüber den Verhältnissen in Nicaragua anfangs nicht nur naiv, sondern auch ziemlich arrogant. Man ging mit der Einstellung nach Mittelamerika, den "armen Eingeborenen" dort beibringen zu müssen, wie eine soziale Revolution gemacht wird. Es gab jedoch durchaus Teilnehmer, die nicht nur Revolution "spielen" wollten, sondern ernsthafte politische Veränderungen bewirken wollten und ihre Meinung diesbezüglich bis heute nicht geändert haben.

Die Regisseurin fängt dies alles ein, ohne einen Kommentar oder gar eine Wertung abzugeben. Stattdessen entfaltet sich ein ausführliches Zeitdokument, welches der Gefahr der Heroisierung nicht ganz entgeht, auch wenn das Urteil grösstenteils dem Zuschauer selbst überlassen wird. Einmal mehr als nur reden ist ein persönliches und facettenreiches Portrait der letzten sozialen Utopie des 20. Jahrhunderts.

ca. 7 von 10 Punkten


Vielleicht in einem anderen Leben (Kino Review)



Vielleicht in einem anderen Leben

Der Film wurde im Rahmen des 6. Zurich Film Festival gezeigt.

Inhalt:

Österreich, 1945: Während der Feind bereits vor der Tür steht, werden noch immer massenweise Juden in Konzentrationslager deportiert. Eine Truppe sitzt in einem kleinen Dorf fest, da die Befehlskette der SS gerissen ist. Notdürftig werden die gut ein Dutzend Juden in einer Scheune untergebracht, wo sie hungrig und niedergeschlagen ausharren.

Da kommt einer der Juden, ein ehemaliger Opernsänger aus Budapest, auf die Idee, in der Scheune eine Operette aufzuführen. Anfangs halten es die Anderen für eine reine Spinnerei, doch der Sänger kann sie überzeugen, dass etwas Musik gerade an so einem Ort bitter Not tut. Mit der Hilfe einer Bäuerin (Ursula Strauss) und ihrer Magd tragen sie nach und nach alles zusammen, was für die Aufführung nötig ist. Doch der Mann der Bäuerin (Johannes Krisch) bekommt bald Wind von der Sache.

Kritik:

Keine Frage, der österreichische Film hat Hochkonjunktur. Drei Jahre in Folge waren die Ossis im Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film vertreten, mit Die Fälscher gewannen sie sogar. In diesem Zusammenhang scheint Vielleicht in einem anderen Leben von Elisabeth Scharang auf den ersten Blick prädestiniert für eine Oscar-Nomination - handelt der Film doch ebenfalls vom (bei der Academy beliebten) Nazi-Thema und porträtiert wie schon Das weisse Band das nur oberflächlich idyllische Leben in einem bäuerlichen Dorf.

Warum gelingt es dem Film nicht einmal annähernd, die Qualität der eben genannten Werke zu erreichen? Das hat mehrere Gründe: Wir erhalten etwa keinerlei Gefühl für das Dorf als abgeschlossener Mikrokosmos, wie es in Das weisse Band so akribisch genau in Szene gesetzt wurde. Das Dorf und insbesondere die Scheune sind lediglich die Kulisse für die überaus konstruierte Story. Es scheint, als habe der Versuch, den der Story zugrundeliegenden Theaterstoff in Filmform umzugiessen, hier nicht wirklich geklappt.

In diesem starren Rahmen fliesst die Handlung ebenso zäh dahin. Nicht, dass ein gemächliches Erzähltempo aus Prinzip anzukreiden wäre, aber hier wird dem Zuschauer wirklich sehr wenig Überraschendes oder gar Packendes geboten. Zwar können sowohl der Anfang als auch der Schluss punkten, zwischendrin macht sich jedoch teilweise gähnende Langeweile breit. Diese kann der Film auch nicht durch etwaige visuelle Schauwerte kompensieren, da einerseits die Inszenierung absoluter Durchschnitt ist und anderseits für grosse Kulissen und Ähnliches schlicht kein Geld vorhanden war.

Geradezu ärgerlich ist der Film insofern, als die meisten Figuren reine Klischees sind: Klar, wir haben auf der einen Seite den rassistischen Vater und auf der anderen Seite die gutherzige, aber unterdrückte Ehefrau. Charaktere werden auf einige wenige Eigenschaften festgelegt, und wenn denn eine Figur eine Entwicklung durchmacht, wirkt sie viel zu überstürzt. Überhaupt mag das ganze Szenario auf der Bühne noch funktionieren, wirkt im Film jedoch schlicht unglaubwürdig: Die Juden sitzen den ganzen Tag in der Scheune herum, haben nichts anderes zu tun als eine Operette aufzuführen, und praktisch jeder scheint einfach rein und raus spazieren zu können. Was die SS-Truppe, welche die Juden begleitete, den lieben langen Tag lang macht, erfährt man ebenfalls nicht; Auf jeden Fall scheinen sie etwas Wichtigeres zu tun haben als ihre Gefangenen zu bewachen.

Am Ende macht es sich der Film mit der Thematik viel zu einfach: Es wird so dargestellt, als wäre der Antisemitismus nur ein oberflächlicher Irrtum einiger böser Männer, der durch Vernunft und Menschlichkeit in Sekundenbruchteil widerlegt werden kann. Dabei wird verschwiegen, dass rassische Vorurteile in der deutschsprachigen Gesellschaft sehr viel tiefer verwurzelt sind und weder erst mit den Nazis begannen, noch mit Hitlers Tod aufhörten. Statt tiefer in der Mentalität der Dorfgemeinschaft zu graben, wie es Das weisse Band getan hat, ist Vielleicht in einem anderen Leben schlicht ein Gutmenschen-Film, der uns nichts Neues über das Thema zu erzählen weiss.

ca. 4 von 10 Punkten


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