Sonntag, 6. Januar 2013

Rückblick Kinojahr 2012


Damit dieser Blog nicht ganz vom Staub zerfressen wird, gibt es wieder mal eine Top 20 des vergangenen Kinojahres. Gezählt wurden alle neuen Filme, die ich vom Januar bis zum Dezember 2012 im Kino gesehen habe (insgesamt etwas über 60), einschliesslich Filmfestivals (weshalb gewisse Einträge in der Schweiz noch nicht regulär im Kino gelaufen sind).


1. Jagten (Thomas Vinterberg, DNK)



2. Amour (Michael Haneke, FR/DE/AUT)




3. A moi seule (Frédéric Videau, FR)




4. War Witch (Kim Nguyen, CA)




5. Iron Sky (Timo Vuerensola, FI/DE)




6. Tinker Tailor Soldier Spy (Tomas Alfredson, GB)




7. Kapringen (Tobias Lindholm, DNK)




8. Holy Motors (Leos Carax, FR)




9. The Perks of Being a Wallflower (Steve Chbosky, USA)




10. The Dark Knight Rises (Christopher Nolan, USA) 





11. Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA)
12. Intouchables (Olivier Nakache & Eric Toledano, FR)
13. James Bond – Skyfall (Sam Mendes, GB/USA)
14. The Avengers (Joss Whedon, USA)
15. The Ides of March (George Clooney, USA)
16. Magic Mike (Steven Soderbergh, USA)
17. Wreck-It Ralph (Rich Moore, USA)
18. Looper (Rian Johnson, USA)
19. L'enfangt d'en haut (Ursula Meier, FR/CH)
20. Shame (Steve McQueen, GB) 

Erwähnungen: We Need to Talk About Kevin, Beasts of the Southern Wild, End of Watch, The Cabin in the Woods, Argo

Kommentar:

Zwar gab es letztes Jahr in meinen Augen eine grosse Menge an guten bis sehr guten Filmen – an wirklich herausragenden Filmen war das Kinojahr 2012 aber leider eher arm, insbesondere was die amerikanische Filmindustrie anbelangt (der erste US-Film ist auf Platz 9). Die grossen Enttäuschungen waren für mich (gemessen an den Erwartungen) The Hobbit, Prometheus und The Amazing Spider-Man. Dafür war das dänische Kino wieder einmal für sehr angenehme Überraschungen gut (Jagten und Kapringen, ausserdem En kongelig affære, der es aber nicht in die Liste geschafft hat). Auch Frankreich hat sich einmal mehr bewährt und hat gleich drei Mal in die Top 10 Eingang gefunden (in der Top 20 gar 5 Mal). Bezüglich Hollwood besteht die Hoffnung, dass die bei uns immer erst im Frühling eintrudelnden Oscar-Filme (Lincoln, Les Miserables, Zero Dark Thirty) wieder frischen Wind bringen – allgemein verspricht 2013 wieder ein erfolgreicheres Kinojahr zu werden. Man darf gespannt sein.


Sonntag, 26. Februar 2012

Haywire (Review)



Haywire

Inhalt:

Ein Café in einer verschneiten Gegend in Upstate New York. Mallory (Gina Carano) tritt ein und setzt sich an einen Tisch. Wenig später fährt ein Auto vor und Aaron (Channing Tatum) steigt aus. Er betritt das Café und setzt sich Mallory gegenüber. Nach einem kurzen Wortwechsel schüttet er ihr heissen Kaffee ins Gesicht und schlägt sie zu Boden, doch sie wehrt sich und schafft es, ihn zu überwältigen, wobei sie ihm den Arm bricht. Hastig packt Mallory den sprachlos dastehenden Scott (Michael Angarano) und fragt ihn, wo sein Wagen stehe.
Auf der Fahrt erzählt ihm Mallory, wie es so weit gekommen ist: Sie ist Söldnerin und arbeitet für eine private Firma. Nach einem Auftrag in Barcelona, wo sie zusammen mit Aaron eine Geisel befreite, wurde sie von ihrem Auftraggeber Kenneth (Ewan McGregor) auf eine Mission nach Dublin geschickt, wo sie dem britischen Agenten Paul (Michael Fassbender) bei Verhandlungen beistehen sollte. Als sie dabei von Paul hinterrücks angegriffen wurde, kapierte sie, dass alles nur eine Falle war. Nun ist sie auf der Flucht. Doch wer ist alles in die Verschwörung gegen sie verwickelt?

Kritik:

Die Filmwelt horchte auf, als bekanntgegeben wurde, dass Steven Soderbergh für seinen Agententhriller Haywire eine der führenden Mixed-Martial-Arts-Kämpferinnen der Welt, Gina Carano, in ihrer ersten grösseren Filmrolle gecastet hatte. Soderbergh scheint ein Händchen für die Entdeckung von weiblichen Jungstars aus anderen Branchen zu haben - er besetzte bereits 2009 die Hauptrolle von The Girlfriend Experience mit der ebenfalls durch ihren "Körpereinsatz" bekannt gewordenen Pornodarstellerin Sasha Grey.

Bei Haywire zahlt sich dieses Casting mehr als aus. Wenn der Film eine unumstrittene Stärke hat, dann sind es seine in nicht geringer Zahl vorhandenen Kampfszenen: Knallhart, brutal und auf angenehme Weise auch glaubwürdiger als im üblichen Actionkino. Dies erstens, weil Carano keineswegs zur unbesiegbaren Kampfmaschine stilisiert wird, sondern auch mal Mühe hat, mit zwei Spezialeinheiten fertigzuwerden. Zweitens, weil hier niemand auch nur im Entferntesten auf den Gedanken kommen wird, es seien irgendwelche Stunddoubles im Einsatz gewesen und die Fights seien nicht 100-prozentig handmade. Nicht nur Carano, sondern auch ihre Co-Stars Channing Tatum (überraschend gut) und Michael Fassbender (warum wurde der eigentlich nicht als Bond gecastet?) geben vollen Einsatz und dürften Jason Statham ganz schön neidisch machen.

Die Intensität der Actionszenen wird auch dadurch verstärkt, dass Haywire formal für einen Agententhriller ziemlich ungewöhnlich daherkommt. In den Zeiten der Hyperwackelkamera dürften die vergleichsweise ruhigen, distanzierten Einstellungen des Filmes für manchen eine angenehme Abwechslung sein und verstärken den Realismus der Fights. Die karg und naturalistisch gehaltenen Bilder unterbinden jede Spur von Agentenglamour, und überhaupt vergeudet Soderbergh an den zahlreichen internationalen Locations keine Minute mit Sightseeing à la James Bond. Ungewöhnlich ist auch der im Siebziger-Stil gehaltene und etwas zu dominant eingesetzte Soundtrack.

Gut inszenierte Actionszenen nützen leider nicht viel, wenn man keine gute Geschichte zu erzählen hat, und tatsächlich macht das Drehbuch den Anschein, als sei es innerhalb von zwei Wochen hingeschludert worden. Die Handlung des Filmes enthält nichts, wirklich nichts, das man nicht schon in Dutzenden von anderen "Agent wird von seinen Auftraggebern übers Kreuz gelegt"-Filmen gesehen hätte - selbst wenn der Protagonist hier eine Frau ist (das hatten wir ja auch schon in Colombiana). An sich wäre das noch kein Problem, denn gerade Mission: Impossible - Ghost Protocol bewies ja kürzlich, dass auch alter Kaffee unterhaltsam sein kann, wenn er nur gut aufgewärmt wird. Dies lässt sich von Haywire nicht wirklich behaupten, denn der Film ist ein Chaos aus unschön verknüpften Rückblenden und funktioniert dramaturgisch nicht. Die gesamte erste Hälfte besteht daraus, dass Mallory mit Scott im Auto sitzt und ihm - warum auch immer - schön der Reihe nach erzählt, was ihr bis dato widerfahren ist, nur damit seine Figur dann plötzlich verschwindet und nicht mehr auftaucht. Was hat er in diesem Film zu suchen? Und überhaupt, wenn man die ganze Geschichte chronologisch erzählen will, warum dann die Rückblendenstruktur?

Auf dem Papier hat Haywire zweifellos die Zutaten für einen richtig fetzigen Actionstreifen: heftige Fights, einen visuell starken Regisseur und ein hochkarätiges Cast - wäre da nur eine richtige Geschichte vorhanden. So ist der Film schlussendlich nur ein weiterer Bourne-Verschnitt. Immerhin ein gut inszenierter.

ca. 6 von 10 Punkten


Dieses Review ist erschienen auf OutNow.

L'enfant d'en haut (Review)



L'enfant d'en haut

Inhalt:

Simon (Kacey Mottet Klein) lebt mit seiner grossen Schwester Louise (Léa Seydoux) allein in einer kleinen Wohnung in einem Industriegebiet. Während Louise sporadisch als Putzfrau arbeitet und damit mehr schlecht als recht für den Lebensunterhalt der Beiden sorgt, verdient sich Simon sein eigenes Geld auf eher ungewöhnliche Weise: Er stiehlt Skier, Schneebrillen und sonstige Winterausrüstung.
Dazu fährt er am Morgen mit dem Lift zum nahegelegenen Skigebiet hoch und spaziert durch Umkleidekabinen und Restaurants auf der Suche nach unbeaufsichtigten Sachen. Diese verkauft er an seine Freunde und Angestellte der Restaurants und Hotels. Dies erfordert einiges an Verhandlungsgeschick, und manchmal muss er die Skier wie neu, manchmal wie gebraucht aussehen lassen. Doch während Simons "Geschäft" mit der Zeit umfangreicher und damit riskanter wird, verkompliziert sich auch die Beziehung zur Schwester.

Kritik:

So wie der letztjährige Locarno-Gewinner Abrir puertas y ventanas, der von drei auf sich allein gestellten Schwestern handelte, dreht sich auch L'enfant d'en haut um zwei Geschwister, die sich in der Welt der Erwachsenen zurechtfinden müssen. Zufall - oder hat der Schweizer Film eine besondere Affinität zu solchen Themen? Die einzige wirkliche Verbindung besteht vermutlich darin, dass es sich in beiden Fällen um intime Familienporträts handelt und solche in einem kleinen Land wie der Schweiz vielleicht eine besondere Bedeutung haben (man denke nur an den Klassiker Höhenfeuer). Ausserdem entwickelt sich der neue Film von Ursula Meier (Home) mit der Zeit in eine ziemlich andere Richtung als Abrir puertas, vor allem aufgrund einer überraschenden, geradezu schockierenden Enthüllung in der zweiten Hälfte, die hier nicht verraten werden soll.

Bemerkenswert an L'enfant d'en haut ist sicherlich, wie liebevoll die Beziehung zwischen Simon und seiner grossen Schwester geschildert wird. Dabei wird das klug geschriebene Drehbuch mit absolut überzeugenden Schauspielern - Home-Veteran Kacey Mottet Klein und Inglourious Basterds-Newcomerin Léa Seydoux - und einer stimmungsvollen Inszenierung kombiniert. Meier setzt weniger auf grosses Drama und schwere Gefühle, sondern siedelt ihre Geschichte im alltäglichen Strom des Lebens an und schafft es, viele Dinge ohne Worte und geradezu nebenbei zu erzählen. So legt Simon im Film eine grosse Geschäftstüchtigkeit an den Tag, es bietet sich ihm jedoch keine andere Möglichkeit, als diese in seiner Tätigkeit als Ski-Dieb zu kanalisieren. Ironischerweise entwickelt er dabei ein hohes Mass an Professionalität und verhält sich organisierter und erwachsener als seine grosse Schwester, die ziellos umherschweift und sich mit Männern abgibt, die nur das eine wollen.

Das Herzstück dieses Filmes ist also ganz und gar die Geschichte - eine herzerwärmende, berührende Geschichte, die sowohl mit leisem Humor wie mit stiller Tragik aufwartet. Dementsprechend unaufgeregt ist die Kameraarbeit von Agnès Godard, die mit naturalistisch ausgeleuchteten, ruhigen Bildern überzeugt. So erinnert L'enfant d'en haut im besten Sinne etwas an die Indie-Dramen der späten Achtziger und frühen Neunziger, die von dysfunktionalen Familien am Rande der Gesellschaft handelten (beispielsweise What's Eating Gilbert Grape).

Mit L'enfant d'en haut zeigt Ursula Meier das Schweizer Filmschaffen einmal mehr von seiner besten Seite, wofür sie in Berlin verdientermassen einen Silbernen Bären (Sonderpreis) gewonnen hat.

ca. 8 von 10 Punkten


Dieses Review ist erschienen auf OutNow.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Drei Dinge, die man an "The Artist" kritisieren kann



Drei Dinge, die man an The Artist kritisieren kann (und warum man ihn dennoch lieben muss)

Wer bis jetzt noch nichts von The Artist, dem neuen Stumm- und deshalb Sensationsfilm aus Frankreich, gehört hat, wird dies spätestens am 26ten Februar – dann werden nämlich wieder einmal die Oscars verteilt, wobei ein Grossteil der wichtigen Preise an den Film von Michel Hazanavicius gehen dürfte. Verdientermassen, soviel sei schon einmal vorgemerkt. Ich habe den Film gestern zum zweiten Mal im Kino gesehen (das erste Mal im Oktober am Zurich Film Festival) und nehme dies – nach einer langen Schreibpause – zum Anlass, ein kleines Anti-Review zu schreiben.

Ein Anti-Review deshalb, weil die allermeisten Kritiken zu The Artist positiv bis überschwänglich ausgefallen sind und praktisch einstimmig die Magie und Liebe loben, mit welcher der Film die Geschichte des alternden, mit der neuen Technik des Tonfilms hadernden Stummfilmstars George Valentin schildert. Nun geht es mir keineswegs darum, den Film aus Trotz schlecht zu reden – im Gegenteil – ich möchte lediglich einige Aspekte hervorheben, die im allgemeinen Jubel (meines Wissens) weitgehend untergegangen sind.

Deren drei, genauer gesagt.


1. A Star Is Born (Again)

James Mason und Judy Garland in A Star Is Born

Am ehesten bemerkten Kritiker noch, dass die Story von The Artist alles andere als neu ist. Dem ist tatsächlich so: Die mit Abstand grössten Ähnlichkeiten finden sich zum Klassiker A Star Is Born. Dabei handelt es sich um einen der Urstoffe Hollywoods, der bisher bereits dreimal mit je unterschiedlicher Starbesetzung verfilmt wurde: 1937 mit Janet Gaynor und Fredric March, 1954 mit Judy Garland und James Mason und 1976 mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson (zudem ist seit längerem eine neue Version von Clint Eastwood in Planung). Erzählt wird (zumindest in der 1954er-Version, die ich gesehen habe) vom alternden Hollywoodschauspieler Norman Maine, der per Zufall mit der jungen Sängerin Esther Blodgett zusammenstösst und in ihr das Talent zum Star entdeckt. Tatsächlich bringt er ihre Karriere ins Rollen und allmählich steigt sie zum grössten Star der Traumfabrik auf, während Maines eigener Stern immer weiter sinkt. Die Parallelen zu The Artist sind unübersehbar, vor allem in den Szenen, als Maine depressiv wird, da niemand mehr seinen Namen kennt und statt ihm nun Esther jeden Tag ins Studio geht und die Filme dreht, für die er früher bekannt war. Bezeichnend ist die Tatsache, dass ich mich gestern im Kino fragte, wann denn die Szene komme, da Georg Valentin als letzten Versuch der Rettung seines Star-Status einen aufwändigen Film auf einem Boot dreht – bis mir einfiel, dass diese Szene aus A Star Is Born stammt.
Freilich gibt es auch Unterschiede, so ist die Tonlage zumindest in der 1954er-Version weit düsterer und zynischer (Maine begeht am Ende Selbstmord), ausserdem fehlt der filmhistorische Hintergrund der Tonfilmrevolution. Letzteres und die Leichtherzigkeit der Geschichte erinnert vielmehr an einen anderen Über-Klassiker, nämlich Singin' in the Rain mit Gene Kelly.

Natürlich bedient sich Hazanavicius' Film auch einer Vielzahl weiterer Inspirationsquellen und verwebt sie geschickt zu einem Produkt, das zu keinem Zeitpunkt den Anschein eines billigen Abklatsches macht. Zudem kompensiert The Artist seine recht vorhersehbare, typische Grundhandlung mit einem grossen Einfallsreichtum in Sachen Detail.


2. Übersymbolisierung


Eine weitere grosse Qualität des Filmes ist es, dass er sich nie dazu verleiten lässt, sein Quellenmaterial zu parodieren. Stattdessen sehen wir einen ernsthaften, sichtlich von tiefstem Herzen kommenden Versuch, das zu rekonstruieren, was die Filme dieser Ära (zumindest aus heutiger Sicht) auszeichnet: Den Charme. Dazu gehört auch eine filmische Symbolik, die weit weniger subtil ist als wir es uns heute gewohnt sind, sei es in der Form von Gesten, Objekten oder Zwischentiteln. In The Artist wird diese Symbolik meist unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern eingesetzt, etwa wenn die Geschichte mit einem Film-im-Film eröffnet wird, in dem sich der von Georg Valentin gespielte Revolutionär auf einer Foltermaschine befindet und von dem bösen Schergen angeschrieen wird: "Speak! SPEAK!"

Hie und da, insbesondere zu Beginn der zweiten Hälfte, ist es aber auch zu viel des Guten: Um zu zeigen, wie sich Valentin im Karrieretief befindet, greift Hazanavicius tief in die Trickkiste und zeigt uns George Valentin, wie er in einem seiner Filme symbolisch im Sand untergeht; George Valentin, wie ein Porträt von ihm symbolisch versteigert wird; George Valentin, wie ein Foto von ihm auf der nassen Strasse symbolisch von den Menschen zertrampt wird – die Liste ginge tatsächlich noch weiter. Das Problem liegt nun darin, dass der Film an dieser Stelle seine gute Laune vorübergehend abgelegt hat und die Übersymbolisierung deshalb ohne ironische Brechung bleibt und geradezu bleiern im Raum schwebt. Dieser einzige dramaturgisch schwächelnde Teil des Filmes geht jedoch rasch vorüber.


3. Kein Ton macht noch keinen Stummfilm

Douglas Fairbanks in The Mask of Zorro

Die beiden vorherigen Punkte lassen sich sicher leicht als zweitrangig gegenüber den offensichtlichen Qualitäten des Filmes abtun – der letzte und grösste Kritikpunkt greift jedoch tiefer. Ich möchte eine provokante These aufstellen: The Artist ist keine wirkliche Stummfilm-Hommage, weder auf der Ebene des Inhalts, noch der Bilder. Vielmehr ist er eine Hommage an das klassische Hollywood, wie es zur Zeit des Stummfilms noch gar nicht existierte.

Zuerst zu den Bildern: Zweifellos ist die Kameraarbeit von Guillaume Schiffman fantastisch und wurde zu Recht für einen Oscar nominiert – in wunderschönem Schwarzweiss und mit gekonnten Bildkompositionen, die in ihrer Pracht auch mal mehrere Sekunden stehen gelassen werden können, wird die Atmosphäre der frühen Traumfabrik heraufbeschworen. Stilistisch bewegen wir uns dabei jedoch nicht im Jahre 1927, wo die Filmhandlung beginnt, sondern vielmehr in den frühen, wenn nicht gar späten 30ern.

Indizien dafür gibt es zahlreiche, darunter die präzisen Kamerafahrten (waren in der Stummfilmzeit rein technisch schwierig zu lösen), die geradezu sklavische Einhaltung des continuity system (entstand so erst durch den Tonfilm, während Stummfilme die Raumgestaltung viel freier handhabten) oder der Einsatz von Weitwinkelobjektiven (kamen in Hollywood erst mit dem Film Noir der 40er auf). Der vielleicht auffälligste Anachronismus lässt sich leicht durch ein kleines "Experiment" aufzeigen:
  1. Man schaue diese Szene von The Iron Mask (1929) mit Douglas Fairbanks. Man zähle dabei die Nahaufnahmen.
  2. Man schaue diese Szene vom Anfang von The Artist und tue dasselbe.
  3. Man schaue den Trailer von Ninotchka (1939) ohne Ton.
Der Unterschied ist offensichtlich: Während sich die Kamera an Douglas Fairbanks nicht näher als in eine Amerikanische (bis oberhalb des Knies) heranwagt und ihn ausschliesslich in statischen, eventuell leicht geschwenkten Aufnahmen filmt, kann sich seine Hommage, George Valentin, zahlreiche Nahaufnahmen und verhältnismässig dynamische Einstellungen zeigen. The Artist befindet sich ästhetisch somit näher bei einem Film wie Ninotchka, welcher ein ganzes Jahrzehnt später produziert wurde.

Auf der Ebene des Inhalts ist The Artist ähnlich "modern": Autothematische Filme, die sich ironisch-parodistisch dem eigenen Business, dem Phänomen Hollywood, annähern, traten vor allem in der frühen Tonfilmzeit vermehrt auf, etwa mit Screwball-Komödien wie What Price Hollywood? (1932), Lady Killer (1933), Footlight Parade (1933), Boy Meets Girl (1938), Hellzapoppin' (1941) und eben A Star Is Born (1937). Romantische Komödien, wie es The Artist eine ist, waren für die Stummfilmzeit untypisch.

Versucht The Artist also etwas zu sein, das er nicht ist? Lügt er uns gar an?

Keineswegs. Schliesslich beginnt der Film zwar 1927, seine Geschichte erstreckt sich jedoch bis ins Jahr 1934, eine Zeit, in der sich das klassische Hollywood bereits vollständig etabliert hat. Hazanavicius porträtiert die Revolution des Tonfilms also dadurch, dass er das Anfangs- und das Endstadium dieser Entwicklung zu einem Film verbindet. Eine andere Möglichkeit stand ihm vermutlich gar nicht offen, da ein "echter" Stummfilm beim breiten Publikum kaum so gut angekommen wäre (dass es der Film tut, ist schon beinahe ein Wunder) und dementsprechend niemals Budget von 15 Millionen Dollar erhalten hätte.
Es mag ein filmhistorischer Widerspruch sein, einen frühen Tonfilm als Stummfilm zu inszenieren, doch dem Film gelingt gerade damit die selbe Brücke, die am Ende der Held im Film schlagen kann: Genau wie Georg Valentin ein Relikt aus einer anderen Zeit verkörpert und schlussendlich die Fusion des Alten mit den Neuen schafft, so stellt The Artist als Stummfilm ein exotisches Wesen in der heutigen Kinolandschaft dar und schafft es durch die ästhetische Verbindung mit dem vergleichsweise modernen klassischen Hollywood, das heutige Publikum auch ohne Worte anzusprechen und – offensichtlich – zu begeistern.

Samstag, 13. August 2011

Cowboys & Aliens (Kino Review)



Cowboys & Aliens

Cowboys & Aliens wurde im Rahmen des 64. Filmfestival Locarno gezeigt.

Inhalt:

Arizona, in der Zeit des Wilden Westen: Ein Mann (Daniel Craig) wacht ohne Erinnerungen mitten in der Wüste auf. An seinem Handgelenk trägt er ein seltsames metallenes Gerät. Er macht sich auf in die nächste Stadt, wo er alsbald erfährt, dass er Jake Lonergan heisst und ein gesuchter Verbrecher ist. Ausgetrickst von einer schönen Unbekannten (Olivia Wilde), wird Lonergan verhaftet und soll sogleich per Gefangenentransport nach Santa Fe überführt werden. Doch soweit wird es nicht kommen.
Am Abend steht nämlich plötzlich der mächtige Rinderzüchter Dolarhyde (Harrison Ford) mit seinen Männern in der Stadt, dessen Sohn Percy (Paul Dano) ebenfalls nach Santa Fe überführt werden soll. Aber bevor es zur Schiesserei kommen kann, beginnt Lonergans Armband ohne Vorwarnung zu piepsen und Sekunden später erscheinen Raumschiffe aus dem Nichts und greifen an. Die Aliens zerstören die halbe Stadt und entführen zahlreiche ihrer Bewohner, unter anderem Percy. Lonergan und Dolarhyde müssen sich nun widerwillig zusammenschliessen, wenn sie die fremden Angreifer besiegen wollen.

Kritik:

"High-concept" nennt man in der Filmbranche jene Filme, deren Ausgangslage sich leicht in einem Satz zusammenfassen lässt, etwa bei Jaws oder 2012. Dementsprechend wäre Cowboys & Aliens ein "ultra-high-concept"-Film, denn seine Prämisse besteht aus gerade mal zwei Wörtern und wurde gleich in den Titel gepackt. Ein schlechtes Zeichen?

Der neue Film von Jon Favreau (Iron Man, Iron Man 2) beginnt jedoch recht vielversprechend: Ein namenloser Cowboy wacht in der Wüste auf und mäht gleich in bester Spiel mir das Lied vom Tod-Manier drei Kopfgeldjäger nieder. Faverau lässt in der ersten halben Stunde des Films das Herz jedes Western-Fans höher schlagen und vermag sogar Erinnerungen an 3:10 to Yuma zu wecken. Man glaubt schon fast, endlich wieder in einem straight-forward-Western zu sitzen.

Doch dann kommen die Aliens. Und machen nicht nur das Städtchen Absolution dem Erdboden gleich, sondern zerstören auch die waschechte Wildwest-Stimmung, die der Film bis dahin sorgfältig aufgebaut hat. Zugegeben, wir haben in neuerer Zeit schon ödere Alien-Invasionen gesehen (*hust*). Tatsächlich ist die Sache hier gut gemacht und die titelgebende Revolverhelden-vs-Marsmenschen-Action, die sich nun entfaltet und den restlichen Film dominiert, ist durchaus kurzweilig. Dennoch bleibt ein fahler Beigeschmack: Die Aliens wirken uninspiriert zusammengesetzt aus zahlreichen Elementen anderer Sci-Fi-Filme, ohne dass eine eigenständige Mythologie gebildet würde. Die Folge davon ist, dass Cowboys & Aliens den Anschein nicht verdecken kann, es seien hier zwei völlig unterschiedliche Filme auf Biegen und Brechen zu einem einzigen zusammengeschweisst worden. Diese Inkohärenz gibt dem Gezeigten eine beinahe schon trashige Note, wobei es auch nicht hilfreich ist, dass sich der Film selbst bierernst nimmt.

Ein weiteres Problem von Cowboys & Aliens ist seine Hauptfigur: Jake Lonergan, von Daniel Craig wie ein moderner Charles Bronson verkörpert, bleibt über den ganzen Film blass und uninteressant. Das hängt damit zusammen, dass sich die Autorenschaft aus unerklärlichen Gründen dafür entschieden hat, dem Film einen starken Mystery-Touch zu geben - oder war das etwa der Einfluss von Co-Autor Damon "Lost" Lindelof? Nicht, dass dem Zuschauer immer gleich alles erklärt werden müsste, aber man braucht gewisse Hintergrundinformationen zu einer Figur, um sich mit ihr identifizieren zu können. Und die Bourne-Masche funktioniert hier deshalb nicht, weil sie zu wenig sorgfältig eingeführt wird und sich mit dem Casting von Craig beisst, der nunmal nicht über den Sympathiefaktor eines Matt Damon verfügt. So bleibt uns das Innenleben von Lonergan weitgehend verborgen und es ändert sich auch wenig dadruch, dass später eine 0815-Backstory über Lonergans verlorene Liebe nachgeschoben wird.

Als wäre eine schwammig charakterisierte Hauptfigur noch nicht genug, trifft das selbe auch auf die Rolle von Olivia Wilde zu: Über die gesamte erste Hälfte des Filmes ist Ella einfach da, stellt mysteriöse Fragen und scheint mehr zu wissen als die anderen, nur leider wissen wir nichts über sie, was aber nötig wäre, damit sie uns sympathisch oder zumindest menschlich erscheinen lassen würde. Die nachgeschobene Erklärung ändert auch hier nichts daran, dass uns ihr Charakter mehr als eine Stunde lang kalt lässt. Immerhin schafft es Altstar Harrison Ford, dem man den Bad Guy zu Beginn so gar nicht abnehmen will, seiner Figur mit der Zeit mehr Tiefe zu verleihen. Die wahren Sympathieträger des Films sind jedoch die Nebenfiguren - allen voran Sam Rockwell als Doc - da viele von ihnen interessanter charakterisiert sind als die Protagonisten.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Favreaus Film zwar viel Potential verschenkt hat, jedoch durchaus ein unterhaltsamer Sommerblockbuster jenseits all der Comicverfilmungen und Remakes geworden ist. Das ändert aber nichts daran, dass Cowboys & Aliens ohne die Aliens wahrscheinlich mehr Spass gemacht hätte.

aufgerundet ca. 7 von 10 Punkten


Dieses Review ist erschienen auf OutNow.

Montag, 8. August 2011

Les chants de Mandrin (Kino Review)



Les chants de Mandrin

Les chants de Mandrin wurde im Rahmen des 64. Filmfestival Locarno gezeigt.

Inhalt:

Frankreich, 1755: Das Ancient Régime herrscht über das Land und bestraft jeden, der sich ihm widersetzt. So auch den Räuberhauptmann und Schmuggler Louis Mandrin, eine Art französischer Robin Hood, der öffentlich hingerichtet wurde. Doch seine überlebenden Kumpanen geben nicht auf, sondern organisieren weitere Schmuggelaktionen im Land.
Ein Hausierer (Christian Milia-Darmezin), der unter anderem ebenfalls illegale Waren verkauft, trifft eines Tages auf einem Landweg auf einen Marquis (Jacques Nolot). Dieser lässt den Hausierer in seiner Kutsche mitfahren und eröffnet ihm, dass er auf der Suche nach Bélissard sei, dem Anführer der mandrins. Was will der Marquis von ihm, und wird ihm der Hausierer helfen?

Kritik:

Kritisiert man historische Indie- oder Semi-Amateurfilme, bekommt man oft das Gegenargument zu hören, die Filmemacher hätten halt kein Geld gehabt und man könne den Film doch nicht mit den grossen Hollywood-Blockbustern vergleichen. Tatsächlich liegt das Problem jedoch meist nicht im geringen Budget per se, sondern in der Unfähigkeit der Macher, mit den beschränkten Mitteln eine spannende Geschichte zu erzählen. Ein Paradebeispiel dafür ist Les chants de Mandrin von Rabah Ameur-Zaïmeche.

Der Film scheint eine ziemliche Ein-Mann-Produktion gewesen zu sein: Ameur-Zaïmeche war nicht nur als Autor, Regisseur und Produzent tätig, sondern übernahm auch gleich selbst eine wichtige Rolle im Film. Heisst "wichtige Rolle" nun, dass er die Hauptfigur spielt? Da wären wir schon bei einem Hauptproblem des Filmes: Er hat keine Hauptfigur. Rein von der Screentime her müsste dies eigentlich der Hausierer sein, doch seine Figur ist eher als komödiantischer Sidekick angelegt, und zudem stehen der Marquis und Bélissard (verkörpert eben von Ameur-Zaïmeche) zeitweise viel stärker im Zentrum der Handlung.

Wenn wir schon beim Thema Handlung sind: Les chants de Mandrin hat tatsächlich ziemlich viel Handlung, zumindest in dem Sinne, dass einiges geschieht. Und doch ist der Film gähnend langweilig. Denn die Handlung plätschert einfach so vor sich hin, ohne dass uns dies irgendwie interessieren oder gar emotional bewegen würde. Von einem Spannungsbogen keine Spur.

Nicht gerade hilfreich ist ausserdem, dass der Film miserabel gefilmt wurde: Der Kameramann hatte offenbar Freude am Einsatz von Tele-Objektiven, weshalb wir das Geschehen oft aus der Distanz und in extrem flachen, grauen Bildern sehen. Sorgt das Drehbuch nicht bereits für genug Teilnahmslosigkeit seitens des Zuschauers? Dazu kommt, dass man gewisse Einstellungen viel zu lange laufen liess, sei es aufgrund fehlenden weiteren Materials oder in der Absicht, "künstlerisch" zu sein.

Der TV-Look des Filmes wird verstärkt durch die Kostüme, die oftmals wie direkt aus der Garderobe des Kostümverleihs gegriffen aussehen. Auch den Schauplätzen sieht man an, dass es Ruinen oder Teile von Museen sind. Und wenn dann mal ein wenig production value vorhanden war, dann wird es derart ausgekostet, dass der sowieso kaum vorhandene Handlungsfluss noch mehr unterbrochen wird: Etwa bei der Druckerpresse, der zahlreiche Aufnahmen gewidmet wurden, die vielleicht in einer BBC-Dokumentation über die Funktionsweise dieses Geräts interessant wären, aber nicht hier.

Der letzte grosse Kritikpunkt, den sich Les chants de Mandrin gefallen lassen muss, ist der, dass es der Film nicht schafft, uns irgendetwas Interessantes über das historische Phänomen des titelgebenden Volkshelden zu erzählen. Wir hören zwar ständig vom grossen Mandrin, doch sind es lediglich leere Parolen über die Einigkeit Frankreichs und die Schlechtheit des Königs. Am Ende wirkt Ameur-Zaïmeches Film somit wie eine Fernsehproduktion, die für irgendeine Jubiläumsfeier in Auftrag gegeben wurde - mit dem Unterschied, dass eine solche keine 97 Minuten lang wäre.

ca. 3 von 10 Punkten


Dieses Review ist erschienen auf OutNow.

Sonntag, 7. August 2011

Locarno - Tag 4



Ein Treffen mit Craig, Ford, Wilde und Favreau

Am 64. Filmfestival Locarno – Samstag, 6. August

Am Samstag war es endlich so weit: Der grosse Tag! Ich war nämlich für OutNow an ein Press Junket zum Film Cowboys & Aliens geladen, der am Abend auf der Piazza Grande gezeigt werden sollte. Aufgrund der Tatsache, dass es die Europapremiere des Filmes war, reisten alle drei Hauptdarsteller in die Schweiz: Daniel "Bond" Craig, Harrison "Han Solo"/"Indiana Jones" Ford und Olivia Wilde (Dr. House, Tron: Legacy), ausserdem Regisseur Jon Favreau (Iron Man).

Am Morgen um 9 Uhr wurden die Journalisten mit einem Bus in Locarno abgeholt und nach Lugano gefahren. Nach einer einstündigen Fahrt kam man im Hotel Principe Leopoldo, wo die Interviews stattfinden sollten, an. Das Edelhotel ist etwas ausserhalb der Stadt gelgen, ziemlich abgeschirmt von der Öffentlichkeit und bietet einen atemberaubenden Blick über den Luganersee.





Da die Interviews als roundtables stattfinden sollten, wurden die Journalisten als erstes in Gruppen von jeweils 5-8 Leuten eingeteilt. Dann hiess es warten, wobei einem selbstverständlich ein Apéro angeboten wurde. Die meisten studierten in dieser Zeit das Presseheft des Filmes.

Schliesslich wurde man als Gruppe aufgerufen und in einen Saal im ersten Stock des Hotels gebracht. Dort setzte man sich an einen runden Tisch und es kamen einer nach dem anderen die vier Stars in den Raum und setzten sich dazu. Die Interviews dauerten pro Star etwa 20 Minuten, wobei ihnen ohne bestimmte Reihenfolge Fragen gestellt wurden, frei nach dem Motto: De schneller isch de gschwinder. Hinten an der Wand sass jeweils ein "Aufpasser" und es war nicht erlaubt, während dem Interview Fotos zu schiessen. Ich konnte also nur ein Bild des leeren Raumes machen:




An unseren Tisch kamen die Stars in folgender Reihenfolge:

Als erstes kam Olivia Wilde. Die Zeit mit ihr verging sehr schnell, da sie nicht nur eine sehr gutaussehende Frau ist, sondern auch sehr ausführlich antwortete. Dabei war sie überaus freundlich und ging auch auf eher stupide Fragen detailliert ein. Zudem sprach sie auch gerne über Dinge, die nichts direkt mit ihrer Rolle zu tun hatten, etwa ihre Liebe zu Blade Runner oder die Idee des Filmes, dass hier statt die Indianer einmal die Cowboys kolonialisiert werden. Der einzige Negativpunkt war, dass man ihr manchmal anmerkte, dass sie manche Sätze schon zigfach von sich gegeben hat – aber das kann man ihr natürlich nicht vorwerfen.

Als nächstes setzte sich Regisseur Jon Favreau zu uns. Er war ohne Frage der ertragreichste Interviewpartner des Tages. Erstaunlich offen und unverfangen sprach Favreau über die Entstehungsgeschichte des Filmes, seine Inspirationsquellen oder sein Verhältnis zu Steven Spielberg. Zudem äusserte er sich sehr ausführlich zu den filmhistorischen Bezügen in Cowboys & Aliens und allgemein über das Genre des Westerns. Auch machte er überraschend kritische Aussagen über das zeitgenössische Studiosystem, so beklagte er sich über den aktuellen Sequelwahn und die Tatsache, dass heutzutage nur noch "Markenartikel" (grosse Namen wie "Superman", die sich leicht verkaufen lassen) im Vordergrund stehen und das gesamte Marketing von Blockbustern auf männliche Teenager ausgerichtet ist. Weiter liess er durchscheinen, dass er nicht besonders glücklich ist mit dem Weg, den Marvel mit seinem Universum seit Iron Man beschritten hat, und dass Filme wie Thor für ihn zu sehr Fantasy sind.

Als drittes kam der Hauptdarsteller des Filmes, Daniel Craig, alias Mr. Bond. Das Interview mit ihm war etwas zwiespältig: Einerseits ist er sehr witzig und auch recht sympathisch (übrigens kleiner als ich angenommen hatte), anderseits nicht annähernd so gesprächig wie die beiden vorigen Stars. Tatsächlich blockte er bei Fragen, die über seine Rolle hinweg gehen, bald einmal ab. Eher wiederwillig erzählte er von seinem Verhältnis zu Filmen und insbesondern zu Western in der Jugendzeit und antwortete auf Fragen über produktionstechnische Hintergründe, etwa wie weit es mit dem nächsten Bond stehe, dass er damit nichts zu tun habe.

Als letztes kam dann endlich Harrison Ford. Man hört ja oft, dass Ford nicht der beste Interviewpartner sei, aber es war dann doch schlimmer als erwartet: Der Star, der uns so legendäre Figuren wie Han Solo oder Indiana Jones bescherte, sass 25 Minuten da und murmelte etwas in sich hinein. Es schien nicht einmal daran zu liegen, dass er keine Lust hatte, vielmehr wirkte er einfach seltsam abwesend. Zudem war seine monotone, schwerfällige Stimme geradezu einschläfernd. Ford selbst entschuldigte sein Auftreten damit, dass er unter Jetlag leide – ob dies der einzige Grund war oder ob er tatsächlich immer so ist, kann ich nicht beurteilen.


Die Interviews haben auf jeden Fall Spass gemacht und um 3 Uhr war man bereits wieder auf dem Weg nach Locarno. Wahrscheinlich werde ich frühestens nächste Woche Zeit haben, die Tonbandaufnahmen abzuschreiben und auf Deutsch zu übersetzen. Die Interviews werden dann auf OutNow erscheinen, ich werde jedoch sicher auch hier Auszüge posten.


Locarno - Tag 2 + 3


Am 64. Filmfestival Locarno – Donnerstag, 4. August

Der Donnerstag war ein recht ereignisloser Tag: Am Mittag stattete ich dem Rex, wo die Retrospektiven gezeigt werden, meinen ersten Besuch des Jahr ab. Zu sehen war Madame Bovary, einer der frühen Filme von Vincente Minelli, gedreht 1949. Der Film gefiel mir überaus gut, nicht zuletzt weil es ein sehr schöner Exponent einer Ära ist, die heute bereits beinahe exotisch scheint: Das klassische Hollywood, wo Melodramen noch unverhohlen theatralisch und moralisch sein durften. Die Hauptdarstellerin Jeniffer Jones kannte ich übrigens bereits aus Cluny Brown, den ich letztes Jahr in Locarno entdeckte. Ebenfalls eine erfreuliche Überraschung war James Mason (Lolita), auch wenn nur in einer sehr kleinen Rolle.



Im weiteren Verlauf des Tages sah ich ausserdem Hanaan, einen fantastischen Krimi über Drogenhandel in Ostrussland (Review folgt), und die Sci-Fi-Komödie Attack the Block, der Überraschungshit des Jahres aus England (Review folgt). Das Bemerkenswerteste an diesem Tag war jedoch ohne Zweifel das Wetter, welches sich endlich besserte und Locarno einen wunderschönen Tag bescherte:




Freitag, 5. August

Am Freitag machte ich mich als erstes auf zur Pressekonferenz des erwähnten Attack the Block:




Regisseur und Drehbuchautor Joe Cornish machte einen sympathischen Eindruck. Er sprach unter anderem darüber, wie er selbst in der Gegend, wo der Film spielt, aufgewachsen ist und selbst einmal von einer Jugendbande ausgeraubt wurde. Ausserdem ist er ein Jugendfreund von Edgar Wright (Shaun of the Dead) und schrieb mit diesem am Drehbuch des kommenden Tintin mit.

Nachher verbrachte ich etwas Zeit mit Schreiben im Pressezentrum des Festivals:




Am Nachmittag ging es an die sehr gut besuchte Pressevorführung von Vol Spécial von La Forteresse-Regisseur Fernand Melgar (Review folgt).

Um 4 Uhr fand in einer Bar hinter der Piazza ein Anlass des Bundesamtes für Kultur (BAK) stat:




Zuerst sprach Ivo Kummer (oben), der neu angetretene Chef der Sektion Film des BAKs.


Anschliessend stellte Andrea Sailer (links) ihr Buch über Schweizer Filmregisseure vor. Es folgten abschliessende Worte von Jean-Frédéric Jauslin (rechts), dem Direktor des BAK.

Auf dem Rückweg beobachtete ich auf der Piazza Grande zufälligerweise Abel Ferrara, dem dieses Jahr eine Retrospektive gewidmet ist und der auf der Bühne für seinen Auftritt am Abend probte. Dabei spielte er – erfreulicherweise – den Song Dead Flowers.





Dann ging ich tatsächlich noch einmal Hanaan schauen, jedoch nicht den ganzen Film und vor allem wegen der anschliessenden Fragerunde mit Regisseur Ruslan Pak und Hauptdarsteller Stanislav Tyan. Die Sache war recht mühsam, da die beiden koreanisch-stämmigen Russen jeweils einen Satz auf russisch sagten, dieser dann zuerst auf englisch und dann auf italienisch übersetzt wurde.



Am Abend konnte ich mir dann endlich Cowboys & Aliens in der Pressevorführung ansehen (Review folgt). Nachdem der Film fertig war, schaute ich noch kurz auf der Piazza vorbei, wo in strömendem Regen (das Wetter hatte wieder umgeschlagen) die romantische Komödie Friends With Benefits gezeigt wurde.


Donnerstag, 4. August 2011

Locarno – Tag 1


Am 64. Filmfestival Locarno – Mittwoch, 3. August

Ich möchte dieses Mal vor allem die Bilder sprechen lassen:



Es hatte gerade aufgehört zu regnen, als ich um ca 17:00 auf dem Festivalgelände eintraf. Ich war relativ spät dran, da ich das Festival ja von letztem Jahr schon kannte und vor dem Abend keinen Film sehen musste.




Aufgrund des Wetters tummelten sich eher wenige Touristen und Festivalgäste auf der Piazza Grande.



Am Abend bildete sich aber trotzdem relativ früh eine Schlange von Leuten, die J. J. Abrams' Super 8, den Eröffnungsfilm auf der Piazza, sehen wollten. Ich selbst ging dann nochmals zurück in die Wohnung und kam um 21 Uhr wieder, wobei ich mit meinem Batch glücklicherweise kein Ticket brauchte und deshalb nicht anstehen musste.



Als ich am Abend auf die Piazza kam, goss es in Strömen. Das Positive daran war, dass ich so ohne Probleme einen guten Platz erlangen konnte. Und glücklicherweise hörte der Regen bald auf und es blieb über den ganzen restlichen Abend trocken.



Um 21:30 traten dann zuerst Festivalpräsident Marco Solari und Direktor Olivier Père auf die Bühne und eröffneten das diesjährige Festival. Dabei wurde viel Italienisch gesprochen, was mindestens die Hälfte des Publikums (inklusive mir) nicht verstand.



Die Retrospektive über Vincente Minelli wurde durch eine herrliche Videobotschaft von Hollywoods Urgestein schlechthin, dem 94-jährigen Kirk Douglas, eingeführt. Mit witzigen Anekdoten schilderte er, wie er Minelli bei den drei gemeinsamen Filmen erlebte.



Wesentlich kürzer fiel die Videobotschaft von J. J. Abrams aus, der sich für seine Abwesenheit entschuldigte und dem Publikum ebenso viel Spass wünschte, wie es die Crew beim Machen des Filmes gehabt habe.

Anschliessend wurde dann Super 8 gezeigt, der beim Publikum (es hatte zahlreiche Familien) sehr gut ankam – bei mir ebenso. Trotz dem Wetter lässt sich also von einem gelungenen Festivalstart sprechen!

64. Filmfestival Locarno (3. - 13. August)



So wie letztes Jahr bin ich auch heuer wieder für 10 Tage im cineastischen Süden, um das zeitgenössische Autorenkino zu ergründen. Tatsächlich bietet das diesjährige Festival neben dem "üblichen" Kunst- und Weltkino jedoch überraschend üppige Hollywood-Kost: Neben Super 8, mit dem das Festival gestern eröffnet wurde, werden etwa Drive und Cowboys & Aliens gezeigt. Ist dies die Antwort von Festivaldirektor Olivier Père auf die zunehmende Konkurrenz des mehr amerikanisch-orientierten Zurich Film Festival? Wer weiss.

Auch dieses Jahr habe ich ca 10-12 Filme übernommen, über die ich für OutNow schreibe. Die Reviews werden selbstverständlich auch hier aufgeschaltet, zusammen mit (hoffentlich) regelmässigen Erfahrungsberichten und Eindrücken vom Festival.

Tagebuch:

Kritiken:

Mittwoch, 23. März 2011

Kameradschaft (Kino Review)



Kameradschaft

Kameradschaft (1931) wurde im Zuge einer Retrospektive im Zürcher Filmpodium gezeigt.

Inhalt:

Eines Tages an der deutsch-französischen Grenze: In einem französischen Kohlenbergwerk kommt es zu einem schweren Grubenunglück. Mehr als 600 Bergleute werden dabei verschüttet. Im Bergwerk auf der anderen Seite der Grenze kehren die deutschen Arbeiter gerade von der Frühschicht zurück, als sie von dem Unglück erfahren. Einer von ihnen, Wittkopp, kann die deutschen Kumpels davon überzeugen, dass sie solidarisch mit den französischen Arbeitern sein müssen. Er stellt einen Rettungstrupp zusammen und erhält die Erlaubnis von der Direktion nach Frankreich zu fahren, um dort zu helfen. Unter dem Kommando des Obersteigers fahren sie mit ihren LKWs los. Doch die Zeit drängt.
(frei nach Wikipedia)

Kritik:

Falls einem heutigen Kinogänger der Name Georg Wilhelm Pabst noch ein Begriff ist, dann ist das höchstwahrscheinlich Quentin Tarantino zu verdanken. Dieser hat den legendären deutschen Regisseur nämlich in Inglourious Basterds mehrfach erwähnt, in erster Linie in Zusammenhang mit seinem Stummfilm Die weisse Hölle von Piz Palü. Berühmt war G. W. Pabst jedoch weniger für pathetische Bergfilme, sondern für eine realistisch-sozialkritischen Tonlage, die geradezu konträr zu den Filmen steht, welche Piz-Palü-Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl später für die Nazis drehte (Triumph des Willens, Olympia).
Bekannt ist Pabst unter anderem für das radikal pazifistische Werk Westfront 1918, das sein erster Tonfilm darstellte. Politisch gesehen stand er damit 1930 bereits auf verlorenem Posten: Das Projekt der deutsch-französischen Verständigung, welches in den 20ern von den beiden Aussenministern Briand und Stresemann initiiert worden war, und damit eine friedliche Revision des Versailler Vertrags war gescheitert. Sowohl die Dritte Republik in Frankreich als auch die Weimarer Republik in Deutschland hatten keine Mehrheit der Bevölkerung mehr hinter sich und wurden von erstarkenden radikalen Kräften in die Zange genommen – den Kommunisten einerseits und den Nationalsozialisten anderseits.

Vor diesem Hintergrund scheint auch die Botschaft, die Pabst mit seinem nächsten Film Kameradschaft (der auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1906 basiert) verkündete, ziemlich illusorisch. In höchst symbolischen Bildern sehen wir dabei, wie die deutschen Bergarbeiter, die unterirdisch auf dem Weg zu ihren verschütteten Kollegen unterwegs sind, ein Gitter durchbrechen, das die Landesgrenze der ehemaligen Kriegsgegner markiert und über dem „Grenze 1918“ geschrieben steht. Pabst diesen Optimismus vorzuwerfen, wäre jedoch verkehrt. Bemerkenswert ist vor allem, wie unpathetisch er an die Sache herangeht und damit der Kitschgefahr, die dem Thema sicherlich innewohnt, gekonnt ausweicht. Dabei wird nichts beschönigt oder idealisiert und beispielsweise auch nicht verschwiegen, dass trotz der deutschen Hilfe die allermeisten Verschütteten nicht überlebten.
Der Film schreckt somit auch vor (für die damaligen Verhältnisse) drastischen Darstellungen nicht zurück. Die Klaustrophobie und der Schrecken im eingestürzten Stollen wird unglaublich hautnah inszeniert, wobei in erster Linie die grandiosen Setbauten und die expressionistisch anmutende Lichtgestaltung ins Auge stechen. Die fantastische Kameraarbeit von Robert Baberske und Fritz Arno Wagner ist noch ganz der Stummfilm-Tradition verpflichtet und lehnt sich stark an die Fotographie-Bewegungen der 20er an. Dagegen ist die Tonspur natürlich noch ziemlich unausgereift und nicht mit der Komplexität und Intensität moderner Klangwelten vergleichbar. Der Vorteil daran ist, dass sich Kameradschaft im Gegensatz zu anderen frühen Tonfilmen, die oft einen Rückschritt zum „abgefilmten Theater“ darstellten, grösstenteils auf die Bildspur konzentriert – der Film wäre im Grunde ohne den Ton absolut verständlich. Gesprochen wird übrigens in den Originalsprachen, also abwechselnd Deutsch und Französisch.

Überhaupt ist der Film sehr realistisch gehalten und steht damit im krassen Gegensatz zu den hyper-eskapistischen Tonfilmoperetten wie Der Kongress tanzt (mit Lilian Harvey), welche im selben Jahr die Massen ins Kino lockten. Bezüglich der Nähe, die der Film zu seinen Figuren entfaltet, und der – man darf es schon so sagen – moralisch ehrenvollen Absicht kann Kameradschaft gar als Vorgänger des Neorealismus gesehen werden, welcher nach dem Krieg in Italien Furore machen sollte.
Wie viele neorealistische Filme auch wurde Kameradschaft übrigens von den Kritikern des öfteren in die sozialistische Ecke gestellt. Diese Interpretation ist auch durchaus naheliegend, schliesslich erinnert die im Film gezeigte Solidarität zwischen den Bergarbeitern an Lenins zeitgenössische Forderung nach einem vereinten internationalen Proletariat. Bei genauerer Betrachtung erweist sich dieser Vergleich jedoch als konstruiert: Der gemeinsame Feind, gegen den sich die Männer in Kameradschaft verbünden, ist das Gas und der Krieg („le gaz et la guerre“), nicht das kapitalistische System. Ausserdem steht Pabst nichts ferner, als sozialistische Propaganda der Marke Eisenstein zu betreiben. Stattdessen möchte er eine dramatische, emotionale Geschichte erzählen, die einem tiefen Humanismus und keinem Parteiprogramm verpflichtet ist.
Dies gelingt ihm auch: In der schönsten Szene des Filmes wird ein verschütteter Franzose von einem deutschen Mitglied des Rettungstrupps gefunden. Der entkräftete, halb wahnsinnige Mann bekommt angesichts des deutsch sprechenden Mannes in Schutzuniform Panik, da er – zurückgeworfen in seine Erinnerung – vor sich plötzlich einen deutschen Soldaten in Gasmaske sieht, der im Schützengraben mit erhobener Waffe auf ihn zugestürmt kommt. Wie sich der Franzose in seinem Wahn auf den vermeintlichen Feind stürzt und ihn beinahe erwürgt, bis dieser seine Maske lüftet und dahinter ein menschliches Gesicht zum Vorschein kommt – das ist ganz grosses Kino.

aufgerundet ca. 9 von 10 Punkten

Samstag, 5. März 2011

Snowman's Land (Kino Review)



Snowman's Land

Inhalt:

Walter (Jürgen Rissmann) hat Probleme mit seinem Job. Hätte er eine normale Arbeit, wäre es wahrscheinlich kein Problem, mal einen Auftrag zu vermasseln - Walter aber ist Auftragskiller. Der ungeliebte Angestellte wird also von seinem Vorgesetzten für einen "Spezialauftrag" zum Gangsterboss Berger (Reiner Schöne) geschickt, welcher zufälligerweise in einer Villa in den Bergen weit im Osten residiert.
Unterwegs durch endlose Schneewälder trifft Walter seinen alten Bekannten Micky (Thomas Wodianka), ebenfalls auf dem Weg zu Berger. Bald kommt das ungleiche Paar bei der besagten Villa an, nur um zu erfahren, dass der Hausherr nicht zugegen ist. Überhaupt entwickelt sich die Sache ganz anders, als es sich Walter vorgestellt hat.

Kritik:

Schwarzhumorige Komödien über Auftragskiller sind nicht unbedingt die Art von Filmen, für die Deutschland berühmt ist. Als Debüt einen solchen Film zu machen, war also eine ziemlich mutige Entscheidung von Tomasz Thomson, auch wenn oder gerade weil er dafür ein sehr geringes Budget in Kauf nehmen musste. Die geringen finanziellen Mittel merkt man Snowman's Land jedoch kaum an, weshalb Thomson umso mehr Respekt verdient.

Beginnen wir also mit den positiven Aspekten: Sympathisch an Snowman's Land ist sicherlich auch, dass man dem Film anmerkt, wie gut die Stimmung am Dreh war. Die Schauspieler hängen sich so richtig rein und zeigen von Eva-Katrin Hermann über Reiner Schöne bis hin zu Hauptdarsteller Jürgen Rissmann - herrlich atypisch besetzt - überzeugende Leistungen.

Ebenfalls punkten kann Thomson mit einer für ein Erstlingswerk überaus gelungenen Inszenierung. Bereits die Drehorte sind sehr geschickt gewählt, in erster Linie der Hauptschauplatz, Bergers Villa, für die ein leerstehendes Sanatorium im Schwarzwald herhalten musste. Das verwinkelte Gebäude in Kombination mit der mystischen, bedrohlichen Schneelandschaft schafft eine dichte Atmosphäre, die gar Assoziationen mit The Shining weckt. Doch nicht nur das Setdesign, sondern auch die Kamera ist stilsicher und auf hohem Niveau.

Bezüglich dem Genre wird sich der Fan bei Snowman's Land sofort an die Filme von Quentin Tarantino und Guy Ritchie erinnern, und auch eine Prise Fargo ist deutlich zu spüren. Das ist sehr abwechslungsreich, mit einigen unerwarteten Wendungen angereichert und in der deutschen Kinolandschaft ein erfrischend ungewohnter und durchaus eigenwilliger Beitrag. Leider erweist sich Thomson als besserer Regisseur denn Drehbuchautor. Die Dialoge sind manchmal recht klobig, die Erzählstimme führt mehr schlecht als recht durch den Film, und teilweise hängt der Film - vor allem in der zweiten Hälfte scheint sich Thomson etwas verlaufen zu haben, und der Schluss vermag nicht so recht zu überzeugen. Solche Schwächen sind für ein Erstlingswerk jedoch durchaus verzeihbar - sein Potential hat Thomson auf jeden Fall bewiesen.

Snowman's Land ist eine schwarze Komödie in einer weissen Berglandschaft, welche mit einem besseren Drehbuch das Zeug zum Kultfilm vom Format eines In Bruges gehabt hätte. Doch auch so ist ein frisches, unkonventionelles und unterhaltsames Stück Kino dabei herausgekommen.

abgerundet ca. 7 von 10 Punkten

Sonntag, 6. Februar 2011

Jahresrückblick 2010



Nach der Devise "besser spät als nie" hier der Rückblick auf das Kinojahr 2010, wie immer in Form einer Top 10:


Ich würde nicht soweit gehen und 2010 als ein "schlechtes" Kinojahr bezeichnen, doch es war sicherlich höchst mittelmässig. Vergleich man etwa mit 2008, als die Masse an grandiosen Filmen eine Top 10 sprengten, so erreicht nur etwa die erste Hälfte der diesjährigen Top 10 dieses Niveau. Dennoch gab es auch dieses Mal viele gute, spannende Filme, auch wenn eher im kleineren Rahmen. Immerhin haben es Leonardo di Caprio und Nicolas Cage mit je zwei Filmen in die Top 10 geschafft (Inception/Shutter Island und Kick-Ass/Bad Lieutenant). Natürlich gibt es auch einige Filme, die ich verpasst habe, die aber vermutlich gute Chancen auf einen Podestplatz gehabt hätten - beispielsweise L'illusionniste.

Höhepunkte des Kinojahres waren sicherlich auch das 63. Filmfestival Locarno und das 6. Zürich Film Festival, wobei das Programm von Letzterem jedoch mehr überzeugte. Ihnen ist es sicherlich auch zu verdanken, dass die Liste der Filme, die ich 2010 gesehen habe, im Vergleich zu den Vorjahren drastisch zugenommen hat, nämlich auf insgesamt über 60 Filme. Da sich darunter zwar nicht allzu viele herausragende, aber zahlreiche überaus sehenswerte Filme befinden, hier die vollständige Liste (nur ungefähr geordnet):

Ehrenplätze:
  • Snowman's Land
  • El secreto de sus ojos
  • The Town
  • A Serious Man
  • Sennentuntschi
  • Das letzte Schweigen
  • Die Hummel
  • The Ghost Writer
Sehr empfehlenswert:
Sehenswert:
  • Ponyo
  • The Road
  • Buried
  • 180°
  • Robin Hood
  • The Crazies
  • Invictus
  • Rammbock
  • Cyrus
  • Sherlock Holmes
  • A Single Man
  • Alice in Wonderland
  • Harry Potter and the Deathly Hallows - Part 1
  • The Expendables
  • Vergebung
Mittelmass/Enttäuschungen: